Stadtkirche

 

360° Tour der Stadtkirche 

Entdecken Sie mit unserer 360° Tour die evangelische Stadtkirche am Augustaplatz! 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

 

Geschichte der Evangelische Stadtkirche Baden-Baden

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

Am 8. Mai 1864, wurde die Evangelische Stadtkirche Baden-Baden feierlich eingeweiht.
 
Aufregende, sehr wechselhafte Jahre gingen diesem Fest voraus. Nachdem 1832 die großherzogliche Genehmigung zur Gründung einer selbständigen evangelisch-protestantischen Pfarrei in Baden-Baden erging und ein erster evangelischer Gottesdienst in der Spitalkirche gefeiert wurde, wurde der Wunsch der evangelischen Christen nach einer eigenen Kirche immer lauter. 
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

 
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

Gründungsurkunde der Kirchengemeinde Baden-Baden
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

 Entwurf Friedrich Eisenlohr
 
Erst 1841 wurde eine Kollekte dafür genehmigt. Im gleichen Jahr stellte die Stadtverwaltung einen Bauplatz unentgeltlich zur Verfügung. Neben Stiftungen und Erbschaften, Spenden von Kurgästen und sogar Sammlungen in deren Heimatgemeinden ist unter den Förderern auch der Spielbankpächter Eduard Bénazet zu nennen. 1853 entschied sich der Kirchengemeinderat zwischen fünf verschiedenen Bauplänen für den des Karlsruher Professors Friedrich Eisenlohr, der bis dahin einige originelle Bahnhöfe gebaut hatte.
 
Als dieser schon im Februar 1854 starb, war die Baugenehmigung noch nicht erteilt, weil die vorhandenen Mittel für die laufenden Baukosten nicht ausreichend waren. Am 9. September 1855 konnte schließlich der Grundstein gelegt werden, aber in den folgenden Jahren verzögerte nicht nur der Tod des Werkmeisters, sondern vor allem die ungenügende Finanzierung den Fortschritt des Baus. 1859 übernahm Adolph Magnus Hansen die Pfarrstelle und traf eine mühsam gegen Witterungseinflüsse geschützte Bauruine an. Mit einem einfallsreichen, fleißigen, mitreißenden Einsatz gelang ihm die Überwindung der Krise und eine Wiederbelebung des Kirchenbaus.
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

 Gedenkstein Pfarrer Adolf Magnus Hansen
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

unterer Teil des Auferstehungsfensters
 
Ein Glück im Unglück kam ihm bzw. der evangelischen Kirche zu Hilfe: Nach dem missglückten Attentat auf König Wilhelm von Preußen am 14. Juli 1861 trafen aus Dankbarkeit von verschiedenen Seiten Spenden für den Kirchenbau ein.
 
Dazu kam die Solidarität der Kurgäste mit der evangelischen Kirchengemeinde. Ja, man könnte die evangelische Stadtkirche geradezu als ein Geschenk der internationalen Gäste an die evangelische Gemeinde bezeichnen.
Gestiftet wurden nicht nur die farbigen Fenster im polygonalen Chor, die Geburt, Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi darstellen; die gesamte Innenausstattung ist fürstlichen oder adligen Spendern zu verdanken.
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

Chorfenster
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

 Kirche ohne Türme
 
Dennoch war die Kirche bei ihrer Einweihung noch ein Torso, da für die beiden geplanten Türme kein Geld vorhanden war. 
Der Kirchenbauverein wurde in einen Turmbauverein umgewandelt, aber es dauerte noch 12 Jahre, bis am 1. Oktober 1876 die beiden Türme in Anwesenheit des Kaiserpaares, des preußischen Kronprinzenpaares und der großherzoglichen Familie eingeweiht werden konnten. Gebaut wurden sie allerdings nicht nach dem ursprünglichen Entwurf Eisenlohrs, sondern nach Plänen des Baurats Heinrich Lang.
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

Türme im Bau
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

fertige Kirche
 
Die Steinbrüche im Murgtal, aus denen der helle Sandstein gebrochen wurde, waren bei der Fertigstellung der Kirche restlos erschöpft. Die evangelische Gemeinde war inzwischen auf 2000 ständige Mitglieder angewachsen, ein Fünftel der damaligen Einwohnerschaft. Über dem Eingang zur offenen Kirchenvorhalle sind Statuen der vier Evangelisten zu sehen.
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

Portal mit den 4 Evangelisten
 
In Glasfenstern des Langhauses sind die vier Reformatoren Luther, Melanchthon, Zwingli und Calvin abgebildet.
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

 Martin Luther
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

 
Philipp Melanchthon
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden-Baden

Huldrych Zwingli
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

Johannes Calvin
 

Quelle: Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

 Orgel
 
Entstanden war das Hauptwerk der neugotischen Baukunst in Baden-Baden, eine dreischiffige Hallenkirche, die mit ihrer neuen, 1973 eingeweihten Orgel und ihrer eindrucksvollen Akustik zu kirchenmusikalischen Genüssen einlädt, und nicht zuletzt ein dezent, aber liebevoll geschmückter Kirchenraum, in dem die evangelische Gemeinde seither Sonntag für Sonntag Gottesdienst feiert.
Ein Dreierensemble aus hellem Sandstein: Kanzel, Altar und Taufstein weist auf das, was Kirche ausmacht: die Verkündigung des Evangeliums und die Feier der beiden Sakramente Taufe und Abendmahl.

Quelle: Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

 
 
 

mit Ausblick auf Kirchengemeinde und Kirchenbezirk Baden-Baden

Die Evangelische Stadtkirche in Baden-Baden
und Ihre Pfarrer

Pfarrer Arnold Hesselbacher (1904 - 1996) geboren in Neckarzimmern, kam schon im Alter von 15 Jahren nach Baden-Baden als Sohn von Karl Hesselbacher, und niemand ahnte, daß er der Nachfolger seines Vaters im Dekanat des Kirchenbezirks und im Pfarramt der Altstadtgemeinde werden sollte. Zuerst war er Pfarrer in Rinklingen, dann Rektor des Melanchthonstiftes in Freiburg, darauf Pfarrer dort an der Paulusgemeinde, bis ihn 1956 der Ruf nach Baden-Baden erreichte. Zur freudigen Verkündigung einer an Bibel und Bekenntnis gebundenen Theologie gesellten sich diakonische und bauliche Aufgaben. Die Zeitumstände begünstigten Planung und Ausführung großer Bauvorhaben. Unermüdlich trieb er diese Projekte voran, unterstützt von Kirchengemeindeverwalter Otto E. Kugler und Architekt Karlsiegfried Keppeler. Der Kindergarten in der Merkurstraße und das Altersheim Marthahaus wurden ausgebaut und der Kindergarten Tiergarten gegründet. Aus dem Hilfswerkbüro wurde 1957 der Gemeindedienst. Die Altstadtgemeinde, stark angewachsen, teilte sich 1960 in die Lukas- und Markuspfarrei, sie blieb aber dennoch eine Einheit, bis heute werden die Konfirmanden gemeinsam eingesegnet.
Als neues Pfarrhaus wurde das Anwesen neben dem Marthahaus erworben. Überraschend stellten sich Schäden an den Türmen der Stadtkirche heraus. Mit großen Kosten mußte das Gebäude gesichert werden, so daß die notwendige Innenrenovation erst unter dem Nachfolger möglich wurde. Zum hundertjährigen Jubiläum der Stadtkirche 1964 rundete sich das große Gemeindezentrum am Gausplatz mit einem großen Gemeindesaal und darunterliegenden Jugendräumen ab. Das bisherige Gemeindehaus wurde umgebaut und dient nun dem Gemeindeamt, dem Gemeindedienst und als Wohnung für den Kirchengemeinde-verwalter. Die mit dem Dekanat verbundene Pfarrei bekam ein modernes formschönes Haus mit den notwendigen Dienst- und Wohnräumen. 1970 wurde ein Schuldekanat geschaffen und zuerst mit Pfarrer Ludwig Schmitt, Religonslehrer in Gaggenau, 1976 mit Pfarrer Manfred Wahl, Religionslehrer in Baden-Baden, besetzt. Im Kirchenbezirk herrschte ebenfalls eine rege Bautätigkeit: Hörden erhielt 1957 eine kleine Kirche, Bühlertal und Steinbach eine 1961, ein Kirchenzentrum in Rastatt entstand 1962 als Thomaspfarrei. Sinzheim bekam 1964 ein Gotteshaus. In Sand steht seit 1965, auch für Kurgäste, die schlichte Kapelle „Zum guten Hirten“. In Rastatt wurden 1965 die Johanneskirche und die Kirche in Iffezheim gebaut, 1966 die in Bad Rotenfels. Nach Abbruch der alten Kirche in Bühl entstand 1968 ein großes Gemeindezentrum mit Kirche und Kindergarten. Die Stadtkirche in Rastatt konnte 1958, die in Gernsbach 1964 erneuert werden, dazu kam der Bau mancher Pfarrhäuser und Gemeinderäume. 1970 trat Dekan Hesselbacher in den Ruhestand und lebte in Freiburg. 
 
Pfarrer Siegfried Heinzelmann (1911-1987) geboren in Göttingen, war 25 Jahre an der Lutherkirche in Mannheim und wurde 1970 als Pfarrer der Lukasgemeinde und als Dekan des Kirchenbezirks ernannt. 1976 in seinem Amt von der Bezirkssynode bestätigt, trat er Ende 1978 in den Ruhestand und lebte in Haueneberstein.
1975 war es gelungen, die ehrwürdige Annenkapelle (älter als 13. Jahrhundert) in Bischweier zu übernehmen und als Gottesdienststätte herzurichten. Der romanische Chorraum und zutage gekommene Fresken mußten noch renoviert werden. Ottersweier erhielt ein kleines Gemeindezentrum, Gaggenau einen seit langem geplanten Kindergarten. 1976 mußten, bedingt durch die Kreisreform, die Gemeinden Achern, mit Ottenhöfen und Kappelrodeck, und Malsch aus dem Kirchenbezirk ausgegliedert werden. Als neue Pfarrei wurde 1977 Bietigheim/Muggensturm errichtet und schon 1978 in Bietigheim ein Gemeindezentrum fertiggestellt. Aktive Mitglieder stehen als Kirchenälteste im Dienst. Lektoren und Prädikanten halten Gottesdienste und Kasualien, sie helfen so den spürbaren Mangel an geistlichen Kräften auszugleichen. Ohne sie wäre eine regelmäßige Versorgung der Gemeinden in der weitverzweigten Diaspora nicht möglich. Der Kirchenbezirk Baden-Baden umfaßte 1979 50000 Evangelische bei einer Einwohnerzahl von 243000 Einwohnern.
 
1840 - 1850 war Karl Deitigsmann (1804 - 1864) Pfarrer. Auf 1840 ist auch der 1977 wiedergefundene silberne Abendmahlskelch datiert, der nun wieder in Gebrauch ist. Die Stadtverwaltung schenkte 1845 der auf 500 Mitglieder angewachsenen Gemeinde - bei 6000 Einwohnern - einen Bauplatz in der Lichtentaler Vorstadt, dem damaligen „Industriegebiet“ der Stadt.
 
 
 
 

Quelle: Stadtkirche Baden-Baden

Erster Pfarrer war Christoph Schmezer
(1800 - 1882), ein in Wertheim geborener Kaufmannssohn. 1823 hatte er - noch unter dem Vorsitz von Prälat Hebel - sein Examen abgelegt.
Er wurde ein beliebter Prediger und gab die „Blätter für die häusliche Erbauung“ und die „Weihestunden" heraus, bis er 1840 nach Ziegelhausen kam, wo er die Freundschaft Scheffels gewann.
 
Pfarrer Hans Martin Siehl (1932 - 2003) geboren in Heidelberg, wurde 1964 als erster Pfarrer der neuen Markuspfarrei gewählt, nachdem er schon seit 1961 in der Altstadt gewirkt hatte. Er betreute auch die kleine Gemeinde in Ebersteinburg mit der Michaelskapelle, die 1968 durch Prof. Linde erbaut wurde und nun zur Lukaspfarrei gehört. Als Vorsitzender des Kirchengemeinderates seit 1969 arbeitete er 9 Jahre für die Belange der ganzen Kirchengemeinde. In diese Zeit fielen: Erweiterung des Altersheims Marthahaus durch Erwerb eines gegenüberliegenden kleinen Hotels. Errichtung einer Krankenhauspfarrstelle, Erwerb des christlichen Erholungsheimes „Haus am Berg“ mit Aus- und Anbau zu einem weiteren Altersheim, Neubau des Kindergartens „Friedrich Oberlin“ mit Schülerhort „Johann Hinrich Wichern“ und Errichtung eines Gemeindezentrums mit Kindergarten in Oos. Die Kirchengemeinde Steinbach wurde in die Stadtgemeinde aufgenommen und bildet mit Sinzheim die Mattäuspfarrei. Baden-Baden hat nun 13000 Evangelische bei 50000 Einwohnern. Die Zeit war reif, daß sich Christen in ökumenischer Gesinnung zusammenfanden. Immer schon war das Verhältnis der evangelischen und katholischen Pfarrer zueinander gut gewesen. Nun hatte sich in Baden-Baden eine Arbeitsgemeinschaft christlicher Gemeinden gebildet, die regelmäßig zusammenkommt und sich mit gemeinsamen Veranstaltungen und Einrichtungen an die Öffentlichkeit wendet: Aktion Nächstenhilfe, Eheberatung, Kurseelsorge und Sozialstation. Für einen Sonntag im Jahr bereiten die Geistlichen der christlichen Kirchen den Gottesdienst mit Textbesprechung und Gebet gemeinsam vor und tauschen ihre Kanzel.
Ende 1978 wurde Pfarrer Siehl von der Bezirkssynode zum Dekan gewählt und leitete von 1979 bis 1994 den Kirchenbezirk Baden-Baden.
 
Wir sind es nicht, die da die Kirche erhalten können. Unsere Vorfahren sind’s auch nicht gewesen. Unsere Nachkommen werden’s auch nicht sein. Sondern der ist’s gewesen, ist's noch und wird’s sein, der da sagt:  Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
Martin Luther
[Zusammengestellt und geschrieben von Siegfried Heinzelmann, 1979]

 
 
1851 wurde Karl Stolz (1806 - 1877) Pfarrer. Man plante einen Kirchenbau nach Plänen von Prof. Friedrich Eisenlohr, Karlsruhe, der viele Bahnhöfe der Badischen Staatsbahn gebaut hatte.
 Wohl wurde 1855 der Grundstein in Gegenwart des badischen Prinzregenten Friedrich gelegt. Doch die Finanzierung bereitete größte Schwierigkeiten. Zuerst verzichtete man vorläufig auf den Bau der Türme, dann mußte die Arbeit ganz eingestellt werden. Vier Jahre stand auf dem späteren Ludwig-Wilhelm-Platz ein halbfertiger Bau.

Da wurde 1859 Adolf Magnus Hansen zum Pfarrer in Baden-Baden ernannt. Ungerufen und von niemandem begrüßt, begann er seinen Dienst und wurde zum Retter des Kirchenbaus. Mit Energie und Fantasie brachte er die nötigen Mittel bei, sodaß 1862 die Arbeiten wieder aufgenommen werden konnten. Ein Hilfsverein, der Gaben sammelte, Spenden von Fürsten und Kurgästen, Legate, Bazare und Sammlungen bis ins Ausland ermöglichten die Fertigstellung.
 

Quelle: Stadtkirche Baden-Baden


1909 wurde der Kirchenbezirk Baden-Baden geschaffen, bisher gehörte die Stadt zum Bezirk Karlsruhe. Das neue Dekanat umfaßte Gernsbach mit Staufenberg, seit der Reformation evangelisch, mit der alten St. Jakobskirche, Baubeginn 1467 (Foto 6); Rastatt mit der alten Franziskanerkirche von 1752, seit 1807 evangelisch; Durmersheim mit einer Kirche von 1855 und Bühl von 1856, Erweiterung 1893, und Gaggenau mit einer Kirche von 1891. Pfarrer Ludwig verwaltete als erster Dekan den Bezirk mit großer Umsicht. In Achern konnte 1909, in Forbach, in prächtiger Lage, 1913 eine Kirche gebaut werden.

Quelle: Stadtkirche Baden-Baden

 
In Lichtental wurde ein Saal des Waisenhauses zur Verfügung gestellt, bis 1907 die Lutherkirche eingeweiht werden konnte. Sie ist ganz in dem damals hochmodernen Jugendstil gebaut. Die Evangelischen in Oosscheuern (heute Paulusgemeinde in der Weststadt) erhielten die Gnadenkapelle, eine Stiftung des Großherzogs. In Oos versammelten sich die Gemeindeglieder zunächst in einem Schulraum, später im Bürgersaal.
 1880 begann Pfarrer Ludwig mit der ersten Bibelstunde, 1881 gründete er einen Kirchengesangverein, 1884 wurde der erste Kindergottesdienst gehalten. Die schon bestehende Kleinkinderschule in der Merkurstraße erhielt ein zweckentsprechendes Gebäude, weitere Kinderschulen wurden 1909 in der Weststadt und 1911 in Lichtental eingerichtet. Seine Ehefrau Margarete rief einen Schülerhort ins Leben.
 
Am 8. Mai 1864 wurde die evangelische Stadtkirche eingeweiht in Gegenwart des Großherzogs Friedrich I., aber auch vieler katholischer Geistlicher, was mit Freude und Genugtuung vermerkt wurde. 12 Jahre später konnte die Fertigstellung der Türme gefeiert werden, wozu das deutsche Kaiserpaar und die großherzogliche Familie gekommen waren. Einige Arbeiten zogen sich noch bis in die achtziger Jahre hin, etwa die Ausarbeitung der letzten Säulenkapitelle im Kirchenschiff.
 

Quelle: Stadtkirche Baden-Baden

 
Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Altar, Kanzel und Taufstein so gestaltet, wie sie sich heute darbieten. 1972/73 wurde die Kirche gründlich renoviert: Das Gewölbe nach den alten Vorlagen ausgemalt, der Altar zur Gemeinde vorgezogen, der Taufstein der Kanzel gegenübergestellt, die Bänke durch Stuhlreihen ersetzt, der Chor in heller, schlichter Form freigelegt und eine neue Orgel in Dienst gestellt. Seit 1978 erstrahlen die berühmten Chorfenster in neuem Glanz. So steht heute die Evang. Stadtkirche in Baden-Baden, die Mutter der evangelischen Kirchen im Oostal, in würdigem Gewand zur Verkündigung des Evangeliums bereit.
 

Quelle: Stadtkirche Baden-Baden


 
Pfarrer Adolf Magnus Hansen (1819 - 1905)
war Lehrerssohn und stammte aus Schleswig. Er stand der Brüdergemeinde nahe und hielt sich zu den Männern der Erweckungsbewegung wie Alois Henhöfer und Christoph Blumhardt. Nachdem Schleswig 1848 dänisch geworden war, durfte er seines Deutschtums wegen kein Amt übernehmen. Er trat in den badischen Kirchendienst und wurde Seelsorger im neugebauten Zellengefängnis in Bruchsal. Von dort holte ihn 1859 das Vertrauen des Großherzogs Friedrich I. nach Baden-Baden, obwohl man hier lieber einen Pfarrer der liberalen Richtung gesehen hätte. Aber seine schlichte Frömmigkeit und seine Tatkraft, mit der er den Kirchenbau voran trieb, ließen ihn bald die Herzen der Gemeindeglieder gewinnen. Unter seiner Kanzel saßen die Großen seiner Zeit: Das deutsche Kaiserpaar, die englische Queen Victoria, Bismarck und Moltke. Die großherzogliche Familie gehörte zu seinen regelmäßigen Kirchenbesuchern. Die Freundschaft zum Hause der Fürsten Hohenlohe-Langenburg ermöglichte ihm die Gründung einer Kleinkinderschule, ein epoche-machendes Ereignis für jene Zeit. Die Amtsführung fiel ihm nicht leicht. Der Kirchenbau hat ihn so mitgenommen, daß ihm der Arzt jede anstrengende Tätigkeit bei der Einweihung untersagthatte, er durfte nur ein kurzes Gebet sprechen.
 

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Acht Jahre führte er das Pfarramt allein, zu dem auch die Vororte von Oos bis Oberbeuern gehörten. Für die weitverzweigte Diaspora hatte er auch den gesamten Religionsunterricht zu erteilen. Als er endlich einen Vikar bekam, wirkte sich dessen gegensätzliche theologische Richtung für Gemeinde und Zusammenarbeit nicht vorteilhaft aus, da sich die freigeistige Bäderstadt gern modernen Strömungen öffnete. Die mühsam durchgehaltene, von ihm eingerichtete evangelische Volksschule im Baldreit mußte in der städtischen Simultanschule aufgehen. Altlutheraner, die die badische unierte Kirche ablehnten, verlegten ihre Gottesdienste in die englische Kirche (heute Johanniskirche am Gausplatz). Alles zusammen, auch der frühe Tod seiner Frau, ließen ihn vorzeitig um seine Pensionierung bitten. 1877 schied er in Baden-Baden aus seinem Amt. Die Gemeinde ehrte ihn noch zu Lebzeiten mit einer Gedenktafel in der Kirche, im Seitenschiff rechts an der Wand.
 

Quelle: Stadtkirche Baden-Baden

 
Pfarrer Wilhelm Ludwig (1845 - 1925) war badischer Pfarrerssohn, in Rötteln bei Lörrach geboren. Baden-Baden war seine erste selbständige und einzige Pfarrei. Er gehörte zu den Liberalen seiner Zeit, die ihr Bibelverständnis aus der damals neugewonnenen historischen Forschung herleiteten. Als Pfarrverweser hatte er die Stelle angetreten, nach einer Gemeindewahl wurde er 1878 für 40 Jahre Pfarrer und prägte durch seine Rührigkeit, seinen Takt, seine gleichbleibende Liebenswürdigkeit und seine packende Predigtgabe die aufstrebende Gemeinde. Bald erforderte die Zunehmende Zahl der Evangelischen in den Außenbezirken des langgestreckten Oostales eigene Gottesdienststätten.
 

Quelle: Stadtkirche Baden-Baden

 
Dekan Ludwig gehörte auch der Generalsynode an und war Mitbegründer des Pfarrvereins in Baden. Die Heidelberger Fakultät verlieh ihm den theologischen Ehrendoktor, als Kirchenrat schied er 1919 aus dem Amt und lebte bis zu seinem Tod in Baden-Baden. Eine Gedenktafel in der Stadtkirche hält die Erinnerung an den ersten Dekan Baden-Badens wach.
 
Die Reformation hatte in der Markgrafschaft Baden früh Eingang gefunden und konnte sich, wenn auch vielfach bedrängt, an die hundert Jahre halten. Dann setzte die Gegenreformation ein und bis ins 19. Jahrhundert gab es keine Evangelischen in Baden-Baden. Erst durch Zuwanderung und durch die zahlreichen Kurgäste entstand eine kleine evangelische Gemeinde, für die nach mehrfachen Anträgen endlich zum 1. Juni 1832 eine eigene Pfarrei errichtet wurde. Bisher mußten die Evangelischen von Gernsbach betreut werden: Dieses Gebiet mit Staufenberg und Scheuern war seit 1556 unter Graf Wilhelm IV. von Eberstein ununterbrochen evangelisch geblieben.

So fand am 24. Juni 1832 zum ersten Mal nach 200 Jahren wieder ein evangelischer Gottesdienst statt. Der katholische Geistliche an der Stiftskirche wünschte den Evangelischen „in christlicher Aufgeschlossenheit“ herzlich Glück zur Erreichung ihres längst ersehnten Zieles, Gott nach ihrer Weise öffentlich verehren zu dürfen. Er öffnete ihnen die Spitalkirche zur Mitbenutzung ebenso wie den Anglikanern: eine wahrhaft ökumenische Gottesdienststätte für drei Konfessionen.
 
 

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Pfarrer Karl Hesselbacher (1871 - 1943) war ebenfalls badischer Pfarrerssohn, in Mückenloch bei Heidelberg geboren. Nach dem Pfarramt in Neckarzimmern, unter Kleinbauern, und in der Karlsruher Südstadtgemeinde, einem Arbeiterviertel, erreichte ihn 1919 der Ruf nach Baden-Baden. Der Glanz des Kurortes war durch den verlorenen Krieg und seine Folgen verblaßt. Die Oberschicht der wohlhabenden Pensionäre verarmte. Dieser Not zu steuern führte Pfarrer Hesselbacher eine geregelte Armenpflege ein. Über die Gemeinde urteilt er, was bis heute gilt: „Sie zeigt die Art einer Diaspora, denn sie war nie bodenständig wie die katholische Bevölkerung. Ein ständiges Kommen und Gehen verhinderte es, die Menschen wirklich kennen zu lernen. Wohl spannen sich Fäden des Verstehens von einem zum andern, aber dann kam der Abschied. Es hieß immer wieder von vorne anfangen.“ Über den Gottesdienstbesuch schrieb er: „Ein großer Teil der gebildeten Welt nahm am Gottesdienst teil, auch die schlichten Leute kamen. Ich mußte so predigen, daß nachdenkliche Menschen wie auch schlichte Gemüter etwas aus der Kirche mitnehmen konnten. Die große Predigtschule meines Lebens hatte mich genötigt, einfach, mit dem Blick auf die Wirklichkeit des Tages farbig und bilderreich zu sprechen.“
 
Zugute kam ihm dabei seine schriftstellerische Begabung. Es gelang ihm, aus kleinen Erlebnissen und Begegnungen in der Seelsorge anschauliche Erzählungen zu gestalten, die er auf eine volkstümliche Art darbot. Sein Andachtsbuch „In der Sonntagsstille“ zeigt am besten, wie er einen Bibeltext durch eine Erzählung auslegen konnte. Ebenso machte er das Glaubensbekenntnis in seinem Buch „Ich glaube“ deutlich. Sein Spätwerk ist gekennzeichnet durch historische Erzählungen, zu denen er durch Epochen des verfolgten Protestantismus angeregt wurde, und durch volkstümliche Biographien: Der 5. Evangelist (J. S. Bach), Luthers Käthe, Paul Gerhardt, Matthias Claudius. „Geschichten von Großvater Ledderhose“ und „Ein deutsches Handwerkerhaus“ lassen auf politische und religiöse Probleme in Baden des 19. Jahrhunderts zurückblicken.
 

Quelle: Stadtkirche Baden-Baden

 
So war er auch der rechte Mann, ein Gemeindeblatt „An der Lebensquelle“ herauszugeben und zu gestalten, in dem auch Meldungen und Anliegen des Kirchenbezirks zu Worte kamen. Seine Ehefrau Emmy rief eine Gruppe des Deutsch-Evangelischen Frauenbundes ins Leben, der heute noch besteht. Bis jetzt gab es kein Gemeindehaus. Veranstaltungen mußten in Gasthaussälen abgehalten werden. Erst durch eine großzügige Spende von Marie-Luise Schrempp konnte 1927 ein stattliches Gebäude mit einem großen Gartengelände erworben werden, das den Grundstock des heutigen Gemeindezentrums bildet und zunächst als Gemeindehaus diente. 1931 begann die Arbeit eines Gemeindeamtes. Das Marthahaus wurde als Wohnheim für Hotelangestellte angekauft und ist heute, erweitert, ein großes Altersheim. Für die wachsende Ooser Gemeinde wurde 1936 die Friedenskirche gebaut. Nachdem das Dekanat von 1919 - 1930 mit Kirchenrat Georg Speyerer (1861 - 1930) in Rastatt besetzt war, wurde ab 1932 das Amt des Dekans erneut mit der Altstadtpfarrei verbunden und Pfarrer Hesselbacher damit betraut. 1936 wurde Lichtental selbständige Pfarrei, Kuppenheim erhielt 1937 eine eigene Kirche. Auch Dekan Hesselbacher erhielt den theologischen Ehrendoktor, wurde zum Kirchenrat ernannt und trat 1938 in den Ruhestand, den er in Baden-Baden verbrachte. Er war der vorläufig letzte Dekan des Kirchenbezirks. Auch sein Andenken hält eine Tafel in der Stadtkirche wach.
 

Quelle: Stadtkirche Baden-Baden

 Pfarrer Walter Brandl (1886 - 1975) geboren in Sinsheim, bisher Krankenhauspfarrer im Diakonissenhaus Rüppurr, wurde noch durch seinen Vorgänger 1938 als Pfarrer der Altstadtgemeinde eingeführt. Einen Dekan jedoch gab es nicht mehr.
 Inzwischen brauchten alle Entscheidungen, die finanzielle Auswirkungen hatten, die Genehmigung der vom NS-Staat eingesetzten „Finanzabteilung". Da aber nicht zu erwarten war, daß ein von der Kirchenleitung ernannter Dekan den NS-Behörden genehm sein würde, ließ man das Dekanat nur kommissarisch verwalten. Die Antwort der Finanzabteilung bestand 1940 in der Auflösung des Kirchenbezirks: Ein Teil wurde dem Dekanat Karlsruhe, der andere dem Dekanat Rheinbischofsheim (jetzt Kehl) zugewiesen. So stand der Amtsantritt des neuen Pfarrers unter den Behinderungen der kirchenfeindlichen NS-Diktatur. Die Innere Mission wurde durch die NS-Volkswohlfahrt immer mehr eingeengt, der Religionsunterricht eingeschränkt. Die Jugendkreise, soweit sie nicht der Hitlerjugend einverleibt waren, wurden beargwöhnt, die Vereine der Kindergärten und des Kirchenchors nur durch Eingliederung in die Kirchengemeinde gerettet. Pfarrer Brandls Verkündigung geschah im Sinn der "Bekennenden Kirche“ in deutlicher Abgrenzung zu den „Deutschen Christen“, die an Altem und Neuem Testament in Ausmerzung alles Jüdischen und Unheldischem immer stärkere Abstriche machten. Die Schwierigkeiten verstärkten sich im Krieg. Mit dem Pfarrer von Lichtental mußte auch der Dienst der einberufenen Amtsbrüder übernommen werden. Aus den bombengefährdeten Großstädten, wie etwa Dortmund, wurden abkömmliche Einwohner nach Baden-Baden verschickt. Ganzen Schulklassen wurde Asyl gewährt, die evangelischen Schüler mitkonfirmiert, 12 Evakuierte hatte das Pfarrhaus aufgenommen.
 
Am 13. April 1945 war für Baden-Baden durch die französische Besetzung der Krieg zu Ende. Eine große Hilfe in den Nöten der Nachkriegszeit war der französische Feldbischof D. Marcel Sturm, dem Pfarrer Brandl im Gemeindehaus eine Dienststelle einrichten konnte: „Er trug mit an den Problemen und Aufgaben unserer Kirche, als wären es die Seinigen, und war immer mit vornehmem Takt bemüht, daß die Gemeinschaft völlig frei bleiben sollte von dem Eindruck, als ob hier nur die Besatzungsmacht ihres Amtes walte.“ Unter großer Anteilnahme wurde Sturm 1950 nach plötzlichem Herzschlag zu Grabe getragen.

Quelle: Stadtkirche Baden-Baden

 
Das Pfarrhaus war inzwischen fast zu einem „christlichen Hospiz“ geworden, in dem Pfarrer Brandls Ehefrau Gisela Wunder der Unterbringung und Verköstigung vollbrachte. Denn nun strömten die Wanderer aus allen Himmelsrichtungen vorbei: Heimkehrende Soldaten, Heimatvertriebene und Flüchtlinge aller Art. Nachdem das „Ev. Hilfswerk" gegründet war und die Gaben aus den vor kurzer Zeit noch feindlichen Ländern eintrafen, nahm im Erdgeschoß des Pfarrhauses die Hilfswerkstelle für den ganzen Kirchenbezirk ihre Tätigkeit auf. Im Gemeindehaus wurden zwei Jahre lang Altenspeisungen veranstaltet, für die im Marthahaus gekocht wurde. 1942 waren, mitten in der Karwoche, die Kirchenglocken für Kriegszwecke abtransportiert worden. Jahrelang bemühte sich Pfarrer Brandl um die Anschaffung eines neuen Geläutes, bis 1952 unter dem schwesterlichen Geläut der katholischen Stiftskirche fünf neue Bronzeglocken, in Karlsruhe gegossen, feierlich eingeholt wurden. Aus dem Vikariat in Oos war 1949 eine eigene Pfarrei entstanden, in der Weststadt 1946 die Pauluspfarrei, die 1958 ihr eigenes Gotteshaus mit Gemeindezentrum erhielt.
1953 konnte Pfarrer Brandl erreichen, daß der alte, 1940 durch staatlichen Eingriff zerstückelte Kirchenbezirk Baden-Baden wiederhergestellt wurde, er wurde dessen Dekan. In diese Zeit fällt der Kirchenwiederaufbau in Gaggenau, und der Kirchenbau in Muggensturm 1953, Weisenbach 1954, Staufenberg 1955 und Malsch 1956. Dekan Brandl ging 1956 in den Ruhestand und lebte als treuer Kirchengänger und mit regem Interesse am Ergehen der Gemeinden bis ins höchste Alter in Baden-Baden.
 

Zu den Orgeln der Stadtkirche 

Noch vor Fertigstellung der Stadtkirche plante man bereits im Jahr 1862 den Bau einer Orgel. Das Projekt wurde ausgeschrieben. Vier Firmen bewarben sich, und auf den Rat der Gutachter erhielt die Firma Voit aus Karlsruhe-Durlach den Auftrag. Die Kosten von 5600 fl. waren durch Spenden prominenter Persönlichkeiten – darunter auch der König von Preussen – zusammengekommen. Die neue Orgel hatte auf 2 Manualen und Pedal 26 Register und eine pneumatische Traktur. Zwar wies das I. Manual als klanglich besondere Register immerhin Trompete 8’ und ein Cornett 5fach auf, im II. Manual gab es jedoch nur fünf 8’-Register und zwei 4’-Register, und das Pedal wies neben drei 16’-Registern zwei 8’-Register und ein 4’-Register auf.

Die Orgelweihe fand gleichzeitig mit der Einweihung der Stadtkirche am 8. Mai 1864 statt. Nach einem Festmahl wurde die Orgel nochmals von einem Stuttgarter Orgelvirtuosen vorgestellt. Schon in den nächsten Jahrzehnten wurden mehrere Umbauten sowie Veränderungen in der Disposition vorgenommen. Das war nicht verwunderlich, denn schon vor Disposition her war auf dem Instrument die klassische Literatur nicht darstellbar. Es sind aus dieser Zeit auch keine Orgelkonzerte überliefert. Eines der wenigen von Bedeutung fand im Mai 1880 anläßlich des Tonkünstlerfestes statt. In diesem Konzert ließ sich kein geringerer als der berühmte Pariser Komponist Camille Sain-Saëns auf der Stadtkirchenorgel hören. Noch im Jahr 1961 wurde das Instrument durch Änderungen in der Disposition „aufgehellt“. Doch schon wegen der ungenauen pneumatischen Traktur und des klanglichen Ungleichgewichts der Manuale war kein konzertantes Orgelspiel möglich. Der damalige neue Kantor und Organist KMD Gerhard Schenk wich deshalb mit seinen Konzerten in der Zeit zwischen 1965 und 1973 auf die neue Steinmeyer-Orgel der Pauluskirche aus.

Dekan Arnold Hesselbach hatte ihnen all den Jahren einen Grundstock von Mitteln für eine neue Orgel gesammelt. Geschickte Verwaltung durch das Kirchengemeindeamt und nicht zuletzt die Hilfe des Oberkirchenrats führten dazu, dass man schließlich mit der Planung des Orgelbaus beginnen konnte. Sechs namhafte Firmen bewarben sich um das Projekt. In Mai 1970 erhielt die Firma Mühleisen aus Straßburg - die in der elsässischen Silbermann-Tradition arbeitet - den Auftrag, die von Bezirkskantor Gerhard Schenk zusammen mit Heinrich Richard Trötschel vom Orgelprüfungsamt entworfene Disposition zu verwirklichen. Die Orgeltage mit verschiedenen Konzerten zur Einweihung im Juli 1973 zeigten, wie hervorragend die Orgel gelungen war. In den darauffolgenden Jahren folgten viele verschiedene Konzertreihen mit nahmhaften Organisten.

Diese große Orgel der Stadtkirche weist auf drei Manualen und Pedal 41 klingende Register aus. Sie ermöglicht dem Spieler in Klang und Funktion verschiedene Epochen der Orgelliteratur gerecht zu werden. Anhand der Disposition liegt der Hauptakzent auf dem Barock, der Klassik und Moderne.
 
Basierend auf dem Bericht von KMD Gerhard Schenk zur Jubiläumsschrift „150 Jahre Evangelische Kirchengemeinde Baden-Baden“ (1982).
 

Orgel der Firma Muhleisen (Strasbourg) 

Hauptwerk Schwellwerk Oberwerk Pedal
Zimbel 3fach
Mixtur 4fach
Doublette 2'
Oktave 4'
Prinzipal 8'
Scharff 4fach

Prinzipal 4'
Prinzipal 8'
Scharfzimbel 4fach
Prinzipal 2'
Prinzipal 4'
Mixtur 5fach
Gemshorn 16'
Spillpfeife 8'
Gemsrohrflöte 4'
(Gambe 8’ geplant)
Spitzflöte 8'
Koppelflöte 4'
Blockflöte 2'
Sifflöte 1’
Spitzgedackt 8'
Rohrflöte 4'
Subbaß 16'
Rohrpommer 8'
Nachthorn 4'
Rohrflöte 2'
Cornett 5fach Nazard 2 2/3'
Terz 1 3/5'
Sesquialtera 2fach
Quinte 1 1/3'
 
Trompete 8'
Clairon 4'
Fagott 16'
Oboe 8'
Schalmei 4'
Musette 16'
Vox humana 8'
(Cromorne 8‘ geplant)
Posaune 16'
Trompete 8'
 
Die große Orgel wurde 1973 von der Firma Ernest Muhleisen (Strasbourg) erbaut.
 
Disposition:
Gerhard Schenk und Heinrich Richard Trötschel
Intonation: André Schaerer
 
Mechanische Spieltraktur, elektrische
Registertraktur (16x10 Setzerkombinationen), Normalkoppeln, Tremulanten im Schwellwerk, Oberwerk und Pedal.
 
Tonumfang Manuale: CC-a3
Tonumfang Pedal: CC-g0
 

Quelle: Christusgemeinde Baden-Baden

 

Orgelpositiv der Firma Heintz (Schiltach im Schwarzwald)

Unter Orgelpositiv versteht man eine kleine versetzbare, meist einmanualige Orgel mit wenigen Registern ohne Pedal. Das Positiv wird heute meist zur Interpretation Alter Musik als Continuoinstrument eingesetzt. Diese meist gut transportablen Kleinorgeln werden oft in Form einer Truhe mit seitlich durchbrochenen holzgeschnitzten Seitenteilen zur besseren Klangentfaltung gebaut. Diese „Truhenorgeln“ verfügen oft über eine Transponiervorrichtung, die das Spiel sowohl in moderner Stimmung (a1=440 Hz) oder in historischer Stimmung (a1=415 Hz) ermöglicht.
 
Disposition:
  • Principal 8’ (ab c1)
  • Bourdon 8’
  • Flûte 4’
  • Quinte 22/3’ (ab c1)
  • Oktave 2’
  • Larigot 11/3’
  • Transponiervorrichtung
Das Instrument der Stadtkirche wurde 1998 von der Orgelbaufirma Heintz (Schiltach) in rund viermonatiger Bauzeit errichtet und steht für ein vielseitiges Musizieren in unserer Kirche zur Verfügung: für kleinere Gottesdienstformen, Andachten, bei Taufen oder Schulgottesdiensten im Chorraum. Durch seine Registerfarbigkeit kann das Orgelpositiv sehr gut zur Begleitung bei Kantatengottesdiensten und Konzerten eingesetzt werden.
 
 
 
 

Renovierung der Stadtkirche und der Orgel

Orgelausreinigung 2016 –
Mühleisenorgel der Stadtkirche Baden-Baden

Eigentlich wird vom Glocken- und Orgel-Glockenprüfungsamt unserer Badischen Landeskirche alle 10-15 Jahre eine Orgelausreinigung empfohlen. Das bedeutet bei der Größe unserer Orgel einen sehr großen Arbeitsaufwand mit entsprechendem Kostenaufwand.

Eine solche Generalausreinigung ist an unserer Orgel der Stadtkirche seit Ihrem Bestehen noch nie in diesem vollen Umfang geschehen aber nun nötig. Auch wenn es Ihnen zunächst nicht so erscheinen mag, weil die Orgel doch noch so voll und kräftig klingt – so nagt nach über 40 Jahren der Zahn der Zeit an den Materialien unseres Instrumentes. Dies bedeutet Arbeiten, die nicht mehr im Zuge der jährlich stattfindenen Wartungsarbeiten geleistet werden können - denn dazu ist es nötig, die Orgel auseinander zu bauen und später wieder zusammen zu setzen.
 
Bei der Generalausreinigung werden Verschleißteile ausgetauscht:
  • Schaumstoffteile und Spunddichtungen müssen altersbedingt ersetzt werden
  • Lederteile müssen erneuert werden, weil das Material mit der Zeit brüchig und undicht geworden ist
  • die Schwimmerbälge der Windanlage werden neu beledert
  • der Schwellkasten wird neu abgedichtet
Alle Orgelpfeifen werden einzeln ausgebaut, überprüft und bei Bedarf repariert und nachintoniert. Durch Materialermüdung und das hohe Gewicht der großen Orgelpfeifen müssen bei einigen die eingesackten Pfeifenfüße gerichtet, verstärkt oder erneuert werden. Das gesamte Pfeifenwerk wird ausgebaut und starke Verschmutzungen durch Umwelteinflüsse (Staub) werden entfernt. Die Orgelpfeifen werden insgesamt nachintoniert und neu gestimmt.
Die Traktur und die Tasten sind durch den Spielbetrieb über die Jahre teilweise ausgespielt und müssen überholt werden.
 
Die Registerzugmotoren der Registertraktur/Setzeranlage werden altersbedingt schwächer und lassen in ihrer Zuverlässigkeit zunehmend nach und müssen durch ein neues System ersetzt werden.
 
Neue Richtlinien der Feuerpolizeilichen Verordnungen und Brandschutzbestimmungen machen es nötig, im Zuge einer Ausreinigung die elektrische Gesamtanlage (Licht, Verkabelung, Motor...) zu überholen und zu erneuern.
 
Nach der Generalreinigung und –überholung, die gut ca. 3 Monate andauern wird, soll die Orgel nicht nur in neuem Glanz erstrahlen, sondern möchte dann wieder unsere Ohren und Herzen mit ihrem klaren erneuerten Klang beseelen.
 
Die Wiedereinweihung der Orgel fand am 30. Oktober 2016 mit einem beeindruckenden Konzert statt.
 
Alain Ebert
 

Marcel Sturm? Nie gehört! 

Als ich mich im Jahr 2004 in meiner neuen Gemeinde umsah, las ich erstaunt die Aufschrift auf dem alten evangelischen Gemeindehaus am Gausplatz in Baden-Baden und wunderte mich, daß neben dem Dietrich-Bonhoeffer-Saal ein evangelisches Haus einen mir ganz unbekannten Namen trägt. Nun, tröstete ich mich, ich muß ja - aus Frankfurt kommend - nicht jeden Namen eines vielleicht verdienten Baden-Badener Pfarrers kennen. Als ich bei Nachforschungen auf Fotos von Marcel Sturms Beerdigung stieß und darauf Gustav Heinemann entdeckte, Martin Niemöller und Otto Dibelius, wurde ich immer neugieriger.
 
Ein Baden-Badener war Marcel Sturm nicht, aber von Baden-Baden aus, von seinem Dienstsitz im - nach dem Krieg beschlagnahmten - alten Gemeindehaus, hat er von 1945 bis zu seinem plötzlichen Tod 1950 nicht nur in Baden-Baden, nicht nur in Baden, sondern in der gesamten evangelischen Kirche in Deutschland so segensreich gewirkt, daß ein Name und eine Gedenktafel an einem Haus nur ein geringer Dank sind.

Der aus dem elsässischen Mühlhausen stammende Marcel Sturm war der oberste Militärgeistliche in den französisch besetzten Sektoren Berlins, Westdeutschlands und Österreichs und als solcher auch der kirchliche Berater der Militärregierung. Der damalige Baden-Badener Dekan Walter Brandl schrieb über seinen französischen Kollegen: „Er trug mit an den Problemen und Aufgaben unserer Kirche, als wären es die seinigen und war immer mit vornehmem Takt bemüht, daß diese Gemeinschaft völlig frei bleiben sollte von dem Eindruck, als ob hier nur die Besatzungsmacht ihres Amtes walte.“
 
In seiner Traueransprache in der evangelischen Stadtkirche am 21.06.1950 zog der damalige Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Otto Dibelius, einen interessanten Vergleich, um Marcel Sturms Wirken an der evangelischen Kirche im Nachkriegsdeutschland zu beschreiben: Im 9. Kapitel der Apostelgeschichte ist erzählt, wie Saulus, der spätere Völkerapostel Paulus, geradezu wutschnaubend die ersten Christen verfolgt hat, bis Jesus Christus selbst ihm in einer ihn blendenden Vision vor Damaskus in den Weg tritt, um dem groben Wüten ein Ende zu setzen. Erstarrt, geblendet, schockiert, gedemütigt, gequält von Schuldgefühlen, ohne zu essen und zu trinken, ohne jede Perspektive: diese Lage des besiegten, ja überwältigten Saulus vergleicht Dibelius mit der der deutschen Kirche nach dem Krieg in ihrer Schuldverstrickung, ihrer Niedergeschlagenheit, Reglosigkeit und Blindheit für eine wie auch immer geartete Zukunft. Dem Saulus damals schickt Gott in diese Situation hinein einen der von ihm bis dahin verfolgten Christen, der angstvoll erschrickt, als er ausgerechnet zu diesem so gefürchteten Mann gesandt wird. Doch seinen ganzen Mut zusammennehmend tritt dieser Unbekannte, von Gott gesandt, in den Raum, in dem Saulus kauert, legt die Hand auf seine Schulter und sagt zu ihm: „Lieber Bruder Saulus!“
 
Wie die Wohltat dieses Grußes, die Wärme der Hand auf der Schulter, aber vor allem die Anrede des schuldig gewordenen ehemaligen Verfolgers als Bruder, als lieber Bruder: wie dieses heilende, tröstende, aufrichtende Nahesein hat die niedergeschlagene deutsche Kirche das Wirken des Feldbischofs Marcel Sturm empfunden. In vielen persönlichen Gesprächen und Begegnungen, auf Kirchenkonferenzen und Synoden, in seinen Grußworten und Ansprachen hat Marcel Sturm die grenzüberschreitende, versöhnende Kraft des christlichen Glaubens weitergegeben und liebevolle Wärme und taktvolle Nähe vorgelebt. Er hat der Kirche in Deutschland zum Eingeständnis ihrer Schuld und zu einem wirklichen Neubeginn verholfen und auch der französisch-deutschen Freundschaft den Weg geebnet. Sein 100. Geburtstag am 01. Juni des Jahres 2005 war uns Anlaß, uns dankbar an Marcel Sturm zu erinnern.
Silke Alves-Christe, Pfarrerin
 
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

Grab auf dem französischen Ehrenfriedhof in Baden-Baden (Maximilianstraße)
 
Am 01. Juni 1905 in Mulhouse im Elsaß geboren, stammt aus dem in der Reformationszeit berühmt gewordenen Geschlecht des Straßburger Staatsmannes Jakob Sturm (1489-1553).
Theologie- und Philosophiestudium in Montpellier und Straßburg (ökumenisch ausgerichtet)  1929-1939 Pfarrer in der südelsässischen Gemeinde Hüningen (Huningue) bei Basel:
  • dort: Einsatz für evangelische Diaspora, Gründung von Männer- und Frauenvereinen, Herausgabe eines Gemeindeblatts, zus. mit seiner Frau engagierter Einsatz für die Jugend
  • französischer Delegierter des Weltbundes für Internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen 
  • wie Bonhoeffer 1934 Teilnehmer an der Jugendkonferenz des Weltbundes in Fanö 
  • Delegierter bei der Konferenz von Larvik 1938 (Hilfsmaßnahmen für „nichtarische“ Flüchtlinge) 
  • Mitte August 1939 als Reserveoffizier in die franz. Armee eingezogen, 1940 am Krieg gegen die deutsche Invasion teilgenommen, leicht verwundet, in Boulogne-sur-Mer in deutsche Kriegsgefangenschaft (in Mainz) geraten; 
  • dank der Hilfe eines Pfarrers der „Bekennenden Kirche“ wurde er im November 1940 freigelassen 
  • Flucht über Mulhouse und die Schweiz in die noch nicht von Deutschen besetzte Zone Südfrankreichs, um sich mit seiner Frau, seinem Sohn und seinen 3 Töchtern zu treffen und um im Februar 1941 nach Algier zu flüchten 
  • 6 Monate später raffte eine Typhusepidemie seine Frau und zwei seiner Töchter innerhalb weniger Tage hinweg 
  • in Nordafrika Militärpfarrer = aumônier bei der 19. Armee, 1942 für ganz Nordafrika 
  • aumônier général der Kriegsgefangenen, Deportierten und Repatriierten 
  • 1942 -1943 Vizepräsident des Kirchenbundes in Afrika 
  • Vertreter der Fédération Protestante beim Stab von Charles de Gaulle (-> Bekanntschaft z.B. mit General Marie-Pierre Koenig, 1945-1947 Oberbefehlshaber der französischen Besatzungstruppen in Deutschland und Militärgouverneur der französischen Besatzungszone) 
  • August 1944 nach der Befreiung von Paris dorthin, wo er die Militärseelsorge aufbaute 
  • 27.03.1945 (nach der Befreiung des Elsaß): Besuch im KZ Natzweiler-Struthoff  (zus. mit Marc Boegner, Präsident der Fédération Protestante de France, FPF) 
  • Juli 1945 Reise durch franz. Besatzungszone (Bericht an ÖRK) 
  • 15. Juli 1945 Einrichtung der franz. Militärregierung in Baden-Baden 
  • Institutionalisierung einer Aumônerie territoriale mit einem obersten Militärgeistlichen  (in den französisch besetzten Sektoren Berlins, Westdeutschlands und Österreichs) 
  • Marc Boegner schlägt Marcel Sturm vor und empfiehlt Koenig, ihm den militärischen Rang eines Oberst zu geben

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

Feldbischof Marcel Sturm
 
(Aumônier général) = kirchl. Berater der Militärregierung, des französischen Hochkommissariats, General Koenig direkt unterstellt;
 Aufgaben: Seelsorge in der Besatzungsarmee und in den Kriegsgefangenenlagern; Verbindung zur deutschen Kirche
 z.B. Dokumentationen und Statistik; Kontakte zum ÖRK; Bücherzensur; Kontakte zu den deutschen Hilfswerken; Probleme der Flüchtlinge; Seelsorge in den Internierungslagern;
 zahlreiche Verbindungen und Konsultationen; „Propagande française“: Ansprachen, Vorträge, Konferenzen mit Deutschen; französisch-deutsche Begegnungen mit Jugendlichen oder mit kirchlichen Repräsentanten
 2 Ziele:
  1. Kontrolle über die religiösen Aktivitäten in den deutschen evangelischen Kirchen,
  2. die konstruktiven deutschen Elemente aufspüren, ihnen helfen und sie beschützen
 -> Plan, gezielt in die Verhältnisse der deutschen evangelischen Kirche einzugreifen, dazu erhielt Sturm weitreichende Vollmachten
gleichzeitig war Sturm Vertreter des franz. Kirchenbundes und in dieser Eigenschaft nicht der Armee, sondern der franz. Kirchenleitung verantwortlich
  • katholischer Aumônier général = Robert Picard de la Vacquerie blieb eher im Hintergrund; die evangelischen Vertreter übten großen Einfluß auf die Religionspolitik aus
  • Konflikt zwischen Sturm und Georges Casalis (1917-1987; Seelsorger Albert Speers): er wirft Sturm vor, nur Beobachter und Diplomat zu sein

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

 
Karl Barth
 
  • schon im Juli 1945 Begegnung mit Karl Barth in Freiburg, die Barth „erfreulichen Kontakt“ nennt
  • 28.09.1945 Barth schreibt an Niemöller: „Mir ist in vielen Gesprächen, die ich seit meine Rückkehr aus Deutschland gehabt habe (heute morgen noch mit dem Aumônier général der französischen Armee, Sturm) deutlich geworden: das christliche Abendland, das an den kirchlichen und wirklich auch an den menschlichen Dingen in Deutschland aufrichtigen Anteil nimmt, wartet darauf, seitens der deutschen evangelischen Kirche etwas zu hören, was es bis jetzt … nur beiläufig, ein wenig verhüllt und zwischen den Zeilen gehört hat“.

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

 
Martin Niemöller

  • Sturm bezeichnete Niemöller einmal in einer Notiz als „bedeutendste Figur des deutschen Protestantismus“.
  • August 1945: vorläufige Kirchenkonferenz in Treysa neu geschaffener Rat der EKD
  • Oktober 1945: Stuttgarter Schuldbekenntnis
    Sturm war für die Logistik der Stuttgarter Begegnung vom 18./19. Oktober zuständig, Einreisegenehmigungen, Transportmittel etc.
  • mit Visser’t Hooft und Pierre Maury fuhr Sturm anschließend zur
    6. Generalversammlung des französischen Kirchenbundes in Nîmes, wo Visser’t Hooft die Stuttgarter Schulderklärung vorstellte.
    Reaktion: „Die 6. allgemeine Versammlung nimmt vor Gott und in der Demut Kenntnis von der Erklärung … und freut sich festzustellen, daß auf diese Weise die Wiederaufnahme der normalen Beziehungen der Kirchen Deutschlands mit den anderen Kirchen wieder ermöglicht wird … und drückt die feste Hoffnung aus, daß die Kirchen im Bewußtsein ihres Auftrages unter den Völkern sich mehr und mehr in einer gemeinsamen Arbeit zum geistigen und sittlichen Wiederaufbau der Welt heiligen.“
 
Sturms Einschätzung: im Stuttgarter Schuldbekenntnis drücke sich die Einstellung der leitenden Kirchenmänner, nicht aber der Kirchen insgesamt aus
 - Sturms Bericht vor der 6. Generalversammlung des französischen Kirchenbundes in Nîmes:
„Nun bestätigen wir gerne, daß die gegenseitigen Vertrauensbindungen, die schon bestehen, genauso wie die allgemeine Linie der französischen Politik in diesem Gebiet – eine Politik nämlich, die darauf zielt, die Freiheit der Kirche zu sichern, was negativ heißt, daß sie beseitigt, was diese Freiheit einschränken könnte, positiv aber, daß sie ermutigt, was diese Freiheit begünstigen könnte, daß diese ersten Erfahrungen … erlauben, beruhigt und optimistisch in dieser Hinsicht zu sein.“
Sturm befürchtete, „daß manche den Traum hegen, eines Tages unter dem Schutz eines Aufschwungs und Wiederaufbauwerkes die Rekatholisierung in Deutschland zu realisieren.“
„Es ist notwendig, daß wir französische Christen dorthin gehen als kluge Christen – nicht um für Deutschland die Segnungen einer harten Sühne, die sich ankündigt, zu verhindern, … sondern die zu ermutigen und denjenigen Franzosen und Deutschen zu helfen, die die große Verantwortung für das anzupackende Wiederaufbauwerk übernommen haben.“
„Viele haben uns als Befreier von einem niederträchtigen Regime erwartet. Jetzt müssen wir realisieren und auf unserer Ebene ihnen zeigen, was die Tat, die Ausstrahlung und das Zeugnis der Kirche sein kann, die geistlich frei ist in einem demokratischen Staat. Sicher wird die christliche Vorstellung von möglichen Beziehungen zwischen Kirchen, die Nationen angehören, die so viele Dinge trennen, eine schwere Belastungsprobe bestehen müssen, und wir werden viel Scharfblick und Mut brauchen, um nicht einerseits betrogen zu werden und andererseits nicht selbst die Erwartung dieser Menschen zu enttäuschen, die von falschen Propheten tief getäuscht und im höchsten Maße schockiert wurden, und all dies so, daß wir uns selbst treu bleiben.“
Die deutsche Kirche, die er als „treu und ausdauernd in ihrem Kern, aber noch schlecht informiert“ bezeichnete, sah Sturm vor der gewaltigen Verantwortung, „dem ganzen Volk einen Weg zu zeigen, der es aus seinem moralischen, materiellen, sittlichen Notstand herausführt“.
Und so sei denn auch in Deutschland „unter tragischen Umständen die Stunde der Kirche gekommen, aber es ist auch die Stunde der Kirche Frankreichs.“
- 27.-29. Nov. 1945: Vorläufige badische Landessynode in Bretten mit Wahl des Nonnenweierer Diakonissenhauspfarrers Julius Bender zum Landesbischof
Sturm war mit einer ökumenischen Delegation aus Amerika mit Stewart W. Herman (amerikanischer Ökumenepfarrer) dort, der schreibt: Sturm was not highly pleased with this choice and regrets that Baden does not possess some strong leaders to take church in hand. He remarked that Pastor Maas was not elected because he was too liberal. [Gegen Maas hatte sich der Landesbruderrat ausgesprochen, der jedoch seine Berufung als Beauftragter für ökumenische Beziehungen in den Oberkirchenrat befürwortete.]
-> 24.02.1946: Einführung Benders in das Bischofsamt
- Neuordnung der pfälzischen Landeskirche im Konflikt mit der französischen Besatzungsmacht:
verdeutlicht Sturms Position in Bezug auf die „Reinigung“ der Kirchen:
Sicher war Sturm der Meinung, daß die beiden belasteten Persönlichkeiten der pfälzischen Kirchenleitung, Stichter und Roland, zurücktreten sollten. Doch er legte dabei größten Wert darauf, daß die pfälzische Landeskirche dazu selbst die nötigen Schritte in die Wege leitete.
- Konflikt mit Kirche im Saargebiet:
Brief Sturms an General Koenig: „Wenn es auch aus der Sicht der französischen Politik bedauerlich zu sein scheint, an der Spitze der Kirchen an der Saar keinen Mann zu haben, der unserer Politik gewogener ist [als Wehr], so scheint es uns dennoch nicht möglich zu sein, da wir ja nun einmal in einer Demokratie leben, nur aus diesem Grunde eine religiöse Persönlichkeit wie Herrn Wehr zu entfernen.“

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

Barth + Sturms Sohn 1952 Bossey
 
- August 1946: zweite Ehe mit Renée d’Espine aus Genf,
mit ihr ein Sohn, der bei seinem Tod im Juni 1950 8 Monate alt war
- Nov. 1946: zusammen mit einer Delegation der evang. Kirche Frankreichs Teilnahme an der Vorläufige Landessynode der Evangelischen Kirche der Pfalz in Speyer, Ansprache: „Ich glaube, die Stunde der Kirche ist gekommen, aber in diesem Sinne, daß die Stunde der Entscheidung für die Kirche da ist, Kirche zu sein oder ihren Auftrag zu verleugnen und verschwinden zu müssen. Darum kann diese Stunde nicht ihren Sinn darin haben …, daß wir uns schönen Gefühlen und Illusionen hingeben, sondern nur darin, daß wir eine klare Sicht der Vergangenheit und auch eine klare Sicht der Aufgaben der Zukunft gewinnen und daß wir immer wieder entdecken und uns sagen lassen, daß das Evangelium, das die Kirche zu bringen hat, eine Botschaft an eine verlorene Welt ist, eine Botschaft aber, der eine revolutionierende und alles erneuernde Kraft innewohnt. Weil wir wissen, daß dies eine so übermächtig große Aufgabe ist, ist es sicher nicht zuviel verlangt, daß wir im Bewußtsein unserer Stärken und Schwächen trotz allem Trennenden brüderlich zusammenstehen und versuchen, unter der Gnade unseres gemeinsamen Herrn dieser Aufgabe nicht zu unwürdig zu sein.“
 
- Juli 1948: Kirchenversammlung in Eisenach: Grüße und Wünsche, um „dadurch einer Verbundenheit und Gemeinschaft Ausdruck zu verleihen, die über Not und Ruinen, Leid und Schuld hinweg nicht in menschlichen Bezogenheiten, sondern in gemeinsam empfangener Gnade und gemeinsamer Berufung durch den einen Herrn der Kirche besiegelt ist“.
-> Sturm begleitete engagiert den Einigungsprozeß der EKD
- 1948: Weltkirchenkonferenz von Amsterdam:
Sturm = Mittler zw. deutschen u. franz. Delegierten
- 1949 Ehrendoktorwürde der Evangelisch-Theologischen Fakultät Göttingen zusammen mit dem Bischof von Chichester, George Bell „in Anerkennung ihrer Aktivität zugunsten der ökumenischen Bewegung und der Annäherung zwischen den Völkern auf einer christlichen Grundlage“
(die Theologische Fakultät Göttingen entsandte später Hans-Joachim Iwand zu Sturms Beerdigung)
- Januar 1949: EKD-Synode von Bethel
- April 1950: gesamtdeutsche EKD-Synode von Berlin-Weißensee
- Frühjahr 1950: Konferenz von Speyer (sie war „vornehmlich sein Werk“), auf der der deutsch-französische Bruderrat geschaffen wurde, in den er selbst noch eintrat.
- enge Freundschaft mit D. Dr. Reinold von Thadden-Trieglaff, dem Präsidenten des Deutschen evangelischen Kirchentags, Predigt in einem großen Gottesdienst des Kirchentags 1950 in Essen
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

 Marc Boegner, Julius Bender und Sturm
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

 Marc Boegner, Julius Bender und Sturm
 
- Sonntagabend, 18. Juni 1950 in seiner Wohnung in der Villa Werner in Baden-Baden gestorben
militärische Trauerparade vor dem Portal der Stadtkirche
französischer Trauergottesdienst: Präses der Reformierten Kirche Frankreichs, Prof. Pierre Maury
Bischof D. Dr. Otto Dibelius, Ratsvorsitzender der EKD
Kirchenpräsident Martin Niemöller
Dr. Gustav Heinemann, Präses der Generalsynode der VELKD
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

 Otto Dibelius, Pierre Maury, Martin Niemöller
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

 vor der evangelischen Stadtkirche Baden-Baden
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

Pierre Maury auf der Kanzel der Stadtkirche
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

 vor der evangelischen Stadtkirche Baden-Baden
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

Dibelius, Maury, Niemöller, Sohn, Gattin, Tochter
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

 Sohn, Gattin, Tochter, Maury, Niemöller
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

 Sohn mit Niemöller
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

 Heinemann, Maury, Niemöller am Grab
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

 Gustav Heinemann, 2. von links Marc Boegner
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

 Heinemann, Maury, Niemöller am Grab
 
aus dem Nachruf des badischen Landesbischofs Julius Bender:
- in Baden der Inbegriff des gütigen Helfers in mancherlei schweren Nöten der ersten Nachkriegsjahre
- Feldbischof Sturm war ein „Brückenbauer“
- in hohem Maße Gabe von geistlicher Klarheit, Weisheit und menschlicher Takt
- Er, der gute Sohn des französischen Volkes und Vertreter der Besatzungsmacht ist unser Bruder geworden. Er hat sich in die Fragen und Aufgaben der Evangelischen Kirche in Deutschland eingearbeitet und hineingelebt, wie es bei wenigen der Fall war, die von draußen kamen. Noch mehr, er hat sich aus christlicher Verbundenheit heraus für die evangelische Sache in unserem Vaterland mitverantwortlich gefühlt, und mit seinem Rat manchen offenbaren und verborgenen Dienst getan.
- Marcel Sturm war ein ökumenischer Christ
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

 
am Marcel-Sturm-Haus Ludwig-Wilhelm-Str. 7
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

 im Marcel-Sturm-Haus
 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

 

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden

  
Gedenkfeier zum 100. Geburtstag Marcel Sturms auf dem franz. Ehrenfriedhof Baden-Baden am 01. Juni 2005 (mit Silke Alves-Christe, Hilde Übelacker und Hartmut Beck)

Quelle: Stadtkirchengemeinde Baden Baden